Die Heldenreise – Unverzichtbar und trotzdem unnötig?

Die Heldenreise – Unverzichtbar und trotzdem unnötig?

Die Heldenreise – Unverzichtbar und trotzdem unnötig?

Besiuk Blog, Textbeitrag 20. Juni 2017 Comments

“Teile deine Geschichte hier …” – Mit dieser Aufforderung begrüßt mich die WordPress-App jedes Mal, wenn ich Ideen für einen Beitrag habe. Heute erzähle ich eine Geschichte. Eine Heldenreise, die alle von uns schon tausende Male gehört haben …

Story-Time:

Die Story handelt von dem kleinen Erik. Erik ist gerade 13 geworden und lebt bei seiner Mutter in einem kleinen Dorf. In der Siedlung erzählt man sich, dass in dem nahe gelegenen Wald Monster hausen. Diese Ungeheuer verlassen nachts den Wald und schnüffeln an der Außenmauer des Dorfes. Sobald sie den Geruch eines unartigen Kindes wahrnehmen, kommen sie ins Innere der Gemäuer und holen das Kind zu sich. Schon einmal kämpfte ein Held gegen das Böse, verlor jedoch seine magische Waffe und konnte die Monster nur schwächen.

Da Erik seinen eigenen Kopf hat, glaubt er nicht an diese Sagen und nutzt die Gelegenheit einer Feier. Er schleicht sich an seiner Mutter vorbei, geht zur Mauer und wirft Steine in Richtung des Waldes. Was Erik nicht weiß, diese Ungeheuer gibt es wirklich. Sie lauern im Dickicht und warten auf ahnungslose Kinder. Als mehrere Steine eins der Monster treffen, wird dieses wütend, bricht durch einen schwächeren Teil der Mauer … und richtet ein Massaker an. Da durch die Feier die meisten der Dorfbewohner an einem Ort waren, war es ein Silbertablett für das Ungeheuer. Erik und einige wenige Kinder überlebten, darunter zwei seiner besten Freunde.

Ein alter Mann, den die Kinder immer für einen Spinner hielten, war der einzige Erwachsene, der unversehrt geblieben war. Anstatt die Kleinen zu trösten, berichtete er vom großen Bösem, das hinter dem Wald lebt und die umliegenden Dörfer angreift. Auch wenn Erik voller Trauer war, machte ihm der Gedanke, dass andere dasselbe Schicksal erleiden könnten Mut und er wollte etwas dagegen tun. Der alte Mann dessen Namen er immer noch nicht wusste, lehrte Erik und seine Freunde die Kunst des Schwertkampfs und wie man in der Wildnis überlebt.

Nach nur wenigen Wochen war die Truppe bereit zum Aufbrechen. “Im Lager der Monster gibt es einen Dolch. Bring ihn zurück ins Dorf! Er gehörte vor langer Zeit mir.” – Mit diesen Worten verabschiedete der mysteriöse Graus die Truppe.

Sie zogen durch die Wälder und kämpften erfolgreich gegen die dort lebenden Ungeheuer. Als sie jedoch im Lager ankamen, glaubten sie ihren Augen nicht. Hunderte Monster, die an etwas nagten, was früher kleine Kinder gewesen sein müssten. Ein schrecklicher Anblick. Erik und seine Recken fassten all ihren Mut zusammen und entschlossen sich anzugreifen. Sie sahen eine Art Kerker, indem wohl noch lebendige Kinder gefangen genommen wurden. Das war ihr erstes Ziel.

Da dieser Kerker nicht wirklich bewacht wurde, war es ein leichtes die Gefangenen zu befreien. Die beiden Freunde von Erik machten sich auf den Weg zurück zum Dorf. Erik selbst aber, sah eine alte, mit Ketten umwickelte Truhe aus der Licht zu scheinen schien. Das muss der Dolch sein! Volltreffer! Als er sie öffnete fühlte er eine Macht die ihn durchströmte. In dem Moment Begriff er: Der alte Mann aus dem Dorf ist der Held aus den Legenden. Kaum hatte er diesen Gedanken zu Ende gefasst, stand eine Armee von Ungeheuern vor ihm. Es war ein Kinderspiel sie alle zu besiegen. Als jedoch der Anführer der Monster zwischen den leblosen Körpern seiner Artgenossen stand, wurde Erik schlecht. Er hatte zwar die Macht des Dolches, die Erfahrung eines Kriegers jedoch nicht.

Plötzlich spürte er wie der Dolch ihn führte. Hab keine Angst. Wir machen das gemeinsam. Eine vertraute Stimme in seinem Kopf machte ihm Mut. Es war der alte Mann. Plötzlich kam noch eine dazu: Als Familie schaffen wir das schon. Das war die Stimme seines Vaters. Er hatte das Blut der Helden in sich. Dieses Blut würde ihn die erforderliche Macht verleihen. In einem grellen Lichtblitz stach Erik mit dem Dolch auf das Monster ein und es fiel reglos zu Boden. Es war besiegt. Erik könnte wieder nach Hause.

Als der neue Held im Dorf ankam, wurde er von den anderen Kindern gefeiert. Doch alles was er wollte, war mit dem Graus zu reden und mehr über seine Familie herauszufinden. Als er jedoch an seiner Hütte ankam, fand er den alten Mann nicht mehr. Nur das Gewand und Ausrüstungsteile des Helden der alten Zeit. Erik erhielt zwar keine Antworten auf seine Fragen, aber er wusste, dass er die Sagen und Legenden der kommenden Generation prägen würde.

Eine tolle Geschichte, nicht wahr? Kommt sie nicht bekannt vor? Ein unschuldiger Junge, der von einem Mentor in eine ihm unbekannte Welt geschickt wird, um einen Gegenstand (oder eine Macht) zu holen, damit das böse zu besiegen, um dann wieder zurück zu kommen? Herr der Ringe? Star Wars? Jedes beliebige Abenteuer in Film/Buch/Spiel? Da gibt es eine Verbindung.

Heldenreise: K.O. am Strand - Der Klassiker unter den Klassikern

K.O. am Strand – Der Klassiker unter den Klassikern

Joseph Campbell, ein amerikanischer Autor, festigte 1949 mit dem Buch Der Heros in tausend Gestalten die Idee der Heldenreise wie wir sie kennen. Seitdem ist sie das Standardkonstrukt, welches jedem Autor in der Ausbildung beigebracht wird. Sogar ich musste mich in dem verfluchten ersten (und einzigen) Semester meines Studiums damit herumschlagen. Das Problem dabei ist, dass wir uns im Kreis drehen. Wir erzählen seit Jahren dieselbe Geschichte, verpacken sie nur in andere Welten und Charaktere. Diese Vorgehensweise hat uns in den letzten fast 70 Jahren so geprägt, dass es schwierig ist, diesem Schema abzuweichen und sich was wirklich Neues einfallen zu lassen.

Worldbuilding, Pacing, Charakterisierung – Das alles funktioniert am einfachsten, indem wir eine leere Hülle als Charakter nehmen und ihn die Geschichte erleben lassen. Ein “Der Held erkundete die Welt und sah X und Y” funktioniert besser, als ein “Es war ein Mal”. Personen charakterisieren ist einfacher, wenn man sie über Dialoge mit dem Helden kennen lernt, anstatt sie zu erklären.

Muss das aber wirklich sein?

In dem zuvor schon erwähnten Studium wurde uns gleich in der ersten Vorlesung eingeprügelt, dass ein Spiel aus einer Heldenreise zu bestehen hat. “So macht man Videospiele” – sagte der Professor. Das von Jemanden zu hören, der es fast erfolgreich durchgeboxte das Schleichen in Splinter Cell: Conviction zu streichen, hatte mir nur bestätigt, dass das nicht der einzig richtige Weg sein kann.

Ich weiß auch, dass dieser Beitrag seine Zielgruppe nie erreichen wird, doch trotzdem: Liebe Autoren; liebe Game Designer. Eine Geschichte muss nicht immer mit einem unerfahrenen Knaben anfangen. Dieser muss nicht immer eine neue Welt entdecken. Ihr könnt uns gerne auch eine Welt geben, die schon ewig existiert; in der die Hauptfigur lebt und sich wohl fühlt. Sich auskennt. Gebt uns Charaktere die in dieser Welt leben und schon immer gelebt haben. Die Freundschaften nicht erst schließen müssen, sondern diese schon haben.

Ich kann es zwar nicht besser machen, trotzdem gibt es Beispiele die bestätigen, dass es auch anders geht. Sei es ein GTA V, sei es ein Red Dead Redemption. Gehe ich durch meine Bibliothek, finde ich auf Anhieb nur die beiden Titel von Rockstar. Leider. Auch Halo 5: Guardians hat was Ähnliches versucht. Es tauchten Charaktere auf, zu dem Master Chief eine Beziehung hatte, die man bis zu dem Zeitpunkt nicht zu sehen bekam. Es wurde den Entwicklern vorgeworfen, das Spiel sei nur für Fans und es würde zu wenig erklären. Ich wiederum sage, es regt die Person vorm TV dazu an, sich mehr mit der Welt zu beschäftigen.

Heldenreise: Michael und Trevor - Charaktere mit Vorgeschichte

Michael und Trevor – Charaktere mit Vorgeschichte

Das ist exakt das, was die Geschichten brauchen. Anhaltspunkte, die vielleicht nicht wie in H5:G auf externe Medien verweisen, sondern welche, die Lust auf mehr machen und dem Spieler dazu verleiten alle Infos über die Welt zu finden. Area 51 hatte mich zu seiner Zeit fast abhängig davon gemacht, alles und jeden zu scannen um noch mehr Content zu finden. Dasselbe gilt für Metroid Prime. Verdammt noch mal, ich war süchtig nach Informationen. Beide Spiele sind aber wieder Exemplare der Heldenreise. Geschichten in denen sich der Avatar in einer vertrauten Umgebung befindet, sind rar gesät.

Ob sich die Situation jemals ändert, bleibt abzuwarten. Anzeichen dafür gibt es jedenfalls nicht. Vielleicht bin ich aber auch der einzige, der einfach Müde ist. Müde davon nackt und schiffbrüchig, an einem Strand aufzuwachen und sich nicht an seinen Namen erinnern zu können.


Schon von unseren Podcast gehört? Mehr dazu findest Du auf uninstall-wizards.de!

    Schreibe einen Kommentar

    Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.